Sonntag, 27. September 2009

Was das Land schafft

Welche landschaftlichen Schönheiten Japans kennt man in der Welt? Klar, den Fujisan, einen Berg von anmutig gleichmäßiger Form, der majestätisch über dem Inselstaat thront. Und sonst? Nun, Japan ist eher für Kultur als für Natur bekannt und demnach sind überzeugende Antworten auf die Frage nach letzterer spärlich gesäht.

Umsomehr erfreut es, wenn man auf einer kleinen Küstenwanderung dann doch sehr Sehenswertes entdeckt. Bei schönem Spätsommerwetter habe ich letztes Wochenende die ländliche Gegend südlich von Tokio entdeckt. Das hieß zunächst dank einiger Verwirrung über die eigentliche Route einen unmittelbaren Einblick in den Gemüseanbau in Japan. Dabei fällt auf, dass viel weniger Sorten unter Glas angebaut werden, als es bei uns üblich ist. Mit größer Sorgfalt werden die Pflanzen gesteckt, gejahtet und geerntet. Fast alles wird unter feinmaschigen Netzen gezogen, die die Felder überspannen. Viele alte, krumme Gestalten kriechen über den Acker und die Wege. Sie tregen leichte aber körperbedeckende Kleidung und große Strohhüte zum Sonnenschutz.

Das eigentliche Ziel der Wanderung, der Küstenabschnitt einer Halbinsel die die Tokioter Bucht begrenzt, war nicht minder eindrucksvoll und eine echte landschaftliche Schönheit. Dementsprechend drängten sich dort auch einige Japaner, jedoch wurde kein einziger Ausländer gesichtet. Und was gab es zu sehen? Kliffe von einzigartieger Struktur. Im Felsen wechseln sich schwarze Lavaschichten mit hellen Sedimentschichten in beeindruckender Regelmäßigkeit ab. Die ganzen Stapel sind dann von Urkräften gekippt und gedreht worden und spießen nun in bizarren Formen trotzig und scheinbar unverrückbar in die salzige Meeresluft. Die Verwitterung hat freilich auch ihren Beitrag zur schroffen Erscheinung geleistet, erweist sich doch die Lava als wesentlich resistenter als das Sediment.

Leider war auch dieser Naturgenuß schnell wieder vorbei, zumindest schneller als gedacht, denn die Zeitangaben an japanischen Wanderwegen lassen sich meinst deutlich unterschreiten. Was bleibt sind wie immer die Bilder:


Schroffe Felsen an der Küste.


Landarbeiterinnen gehen ihrer Wege.


Ein Bild vom Konferenzausflug vor drei Wochen: der Fujisan, Japans höchster Berg.

Montag, 21. September 2009

Das eigene Geschöpf

Japan hat ja bekanntlich eine große Tradition in der Papierherstellung. Das ist zwar in einfältigen Souvenirgeschäften sehr präsent, sonst im täglichen Leben allerdings mancherorts verloren gegangen. Damit meine ich beispielsweise das unumgängliche einlagige Toilettenpapier und Taschentücher die maximal eine halbe Lage dick sind - zum Glück hatte ich noch keinen Schnupfen.
Aber genug des Spotts, denn was ich letztes Wochenende erlebt habe, war ein schönes Stück Traditionspfelge: Etwa eine Stunde "stadtauswärts" von Wako befinden sich kleine Städte, in denen auch ohne touristischen Glanz manche Handwerkskunst am Leben gehalten wird.
Gemeinsam mit Junji und Susanne (Studienstiftlerin am RIKEN) habe ich also die traditionelle japanische Papierherstellung erkundet und - das ist das Beste - auch selbst ausprobieren dürfen. Es gibt einige kleine Manufakturen, in denen handgeschöpftes Papier hergestellt wird, vornehmlich für den Künstlerbedarf. Die Mühen der Herstellung beginnen aber nicht beim Schöpfen selbst, sondern bei der Rohstoffgewinnung. Das Papier wird aus Fasern hergestellt, die aus der Rinde eines schnellwachsenden Gehölzes stammen. Diese werden dann eingekocht und schließlich in Wasser aufgelöst, aus dem dann mit einem Holzrahmen geschöpft wird. Anschließend werden die Blätter gepresst und dann auf einer warmen Metallfläche getrocknet. Die einzige Automatisierung in dem besuchten Betrieb war eine uralte Umrührmaschine für die Faserfüssigkeit. Allerdings durchzogen deren Übersetzungsriemen den ganzen Raum und erinnerten mich so ein wenig an die Kreissäge meines Großvaters.
Die Nachbarn des Papierherstellers konnten übrigens ein wenig Deutsch, weil der Mann Arzt war. Das ist nicht unüblich in Japan, die westliche Medizin kam im wesentlichen über Deutschland hierher.
Im Übrigen sind Anfang dieser Woche Feiertage in Japan, was freilich an einem Labor für theoretische Physik fast unbemerkt vorübergeht, abgesehen von der Tatsache, dass die Kantine nicht geöffnet ist. (Ich lasse mich auch Blicken, denn das PhD-Proposal verlangt nach zügiger Fertigstellung.) Die Feiertage werden in Japan jedes Jahr in einem gewissen Rahmen neu verteilt, sodass sich möglichst viel zusammenhängender Urlaub ergibt. Feiertage mit festem Datum gibt es außer Neujahr glaube ich nicht (und das wiederum muss ja per Definition jedes Jahr am gleichen Tag sein ;-). Es wird auch lieber mal ein Feiertag hinzugefügt, um den Konsum anzukurblen (die Geschäfte sind ja offen), anstatt wie bei uns wegrationalisiert, um das BIP zu erhöhen. In jedem Fall taugt eine Feiertagsdebatte hierzulande angeblich stets als knallhartes Wahlkampfthema.


Ich schöpfe aus dem Vollen.


Nette Unterbrechung auf der Wanderung: im Wald steht einfach mal ein unabgeschlossenes Haus mit wunderbaren Schmetterlingsschaukästen. Dinge wie Vandalismus scheinen in Japan wirklich überhaupt keine Rolle zu spielen.

Sonntag, 6. September 2009

Alltag!

Ein Sommerurlaub, der uns zu allen touristisch wichtigen Stellen südlich von Tokio geführt hat und überdies auch noch erholsam war, ist zu Ende. Es ist müßig, hier davon zu berichten, ich wüsste gar nicht wo anzufangen und welche Fotos auzuwählen wären. Nici ist nun nach einem Monat Japan wieder nach Deutschland geflogen und ein jeder von uns widmet sich seinen Aufgaben. Das heißt für mich kommende Woche erst einmal: Konferenz. Zufällig wird die größte Konferenz zur Supraleitung dieses Jahr in Tokio stattfinden und das ist natürich ein "Muss" für mich.

Es ist in Japan Tradition, dass man den Daheimgebliebenen - Kollegen, Familie und Freunde (man beachte die Reihenfolge) - von einer Reise etwas kleines Mitbringt. Dieses sogenannte Omiyage kann verschiedenes sein, wichtig ist, wie bei so vielem hier, eine ansprechende Verpackung. An touristischen Orten gibt es unzählige Geschäfte, die sich genau darauf spezialisiert haben. Eine bestimmte Süßigkeit ist offensichtlich als Omiyage besonders beliebt. Es handelt sich um eine mehlige und süße Sojabohnen-Paste, die "An" genannt wird und zumindest für unseren Geschmack in Erwartung einer Süßigkeit gewöhnungsbedürftig ist. Damit das Mitbringsel trotz der Omnipräsenz etwas Besonderes aus der besuchten Gegend ist, gibt es dieses An in jeweils regional verschiedenen Formen: In Matsuyama in einer Teigrolle, in Kyoto als kleine Taschen, in Kamakura auf einem Stück gestampftem Reis... Natürlich habe ich meinen Kollegen auch ein Omiyage vom Urlaub mitgebracht und siehe da, nicht nur, dass sie das An als solches über alles lobten, sie erkannten auch sofort, für welche Region diese Art den Soja-Paps zu formen sooo typisch ist.


Ein Anderes beliebtes Omiyage: Baumkuchen (auch in Japan unter diesem Namen bekannt) in zahllosen Geschmacksvarianten, wie man es bei uns vergeblich suchen würde.



Eine Kuriosität, die ich oft gesehen, aber nie verstanden habe und die mir gestern erklärt wurde: Für etwas Geld kann man hier spezifisch für seine Blutgruppe und sein Geburtsdatum die Zukunft auf einem kleinen Zettel lesen.